Hallo,
ich bin neu hier bei gitarrenboard.de und möchte von meinem Wochenendprojekt berichten. Ich würde mich freuen, mit Gleichgesinnten über Verdrahtungsoptionen bei E-Gitarren und E-Bässen zu diskutieren. Bei meinem Projekt ging es nicht primär darum, eine Budget-Gitarre aufzuwerten – die Gitarre diente vielmehr als Objektträger für meinen Prototypen. Dass dabei auch noch ein Test für Roswell-Pickups entstanden ist, war eher Zufall. Nun zu meinem Projekt:
Was können Budget-Pickups in perfekter Umgebung wirklich leisten?
Die Ausgangslage
Mein Hobby ist es, E-Gitarren zu verdrahten und elektronisch zu optimieren. Nach etlichen Videos und Tests war mir eines klar geworden: Die Qualität von Pickups lässt sich oft erst dann wirklich beurteilen, wenn die elektrische Infrastruktur stimmt. Selbst hochwertige Boutique-Pickups klingen bescheiden, wenn die Verkabelung unsauber ist, die Erdung Brummschleifen produziert oder die Potis nicht zum System passen.
Daraus entstand die Idee für ein konsequentes Test-Projekt: Eine Ibanez GAX 70 (Anschaffungswert ~130 €) mit Roswell LAF-Pickups (~35 €) komplett neu aufzubauen – mit dem Ziel, die elektrische Umgebung so zu optimieren, dass die Pickups ihr volles Potenzial entfalten können.
Die technische Umsetzung
Die komplette Elektronik wurde entkernt,
alle Schächte mit Kupferfolie ausgekleidet und mittels Drahtverbindungen zu einem durchgehenden Schirm verbunden (Multimeter-geprüft). Alle Kabel wurden durch hochwertige Kupferlitzen ersetzt, und das gesamte System wurde konsequent auf
Sternerdung ausgelegt – der Masse-Knoten sitzt am Master-Volume-Poti.
Die Pickups:- Neck: Roswell LAF N4T GD → 7,928 kΩ
- Bridge: Roswell LAF B4T GD → 8,298 kΩ
Die Schaltungs-Logik:
Das System wurde bewusst flexibel ausgelegt, um verschiedene Klangcharaktere abrufen zu können:
- Master-Volume: B535k (Fleor Messing, Träger der Sternmasse)
- Master-Tone: B529k (Fleor Messing) mit CBB 47nF 2000V Kondensator
- Push-Pull-Poti Neck (A440k):
- Drehfunktion: Spin-a-Split (gradueller Split von Position 0 = Single-Coil bis Position 10 = voller Humbucker)
- Push/Pull-Funktion: Gedrückt = 50s-Wiring, gezogen = Modern-Wiring
- Push-Pull-Poti Bridge (A445k):
- Drehfunktion: Spin-a-Split (wie Neck)
- Push/Pull-Funktion: Gezogen = Duncan-Style Treble-Bleed aktiv (1nF + 148kΩ)
Die Spin-a-Split-Verdrahtung: Lug 3 geerdet, Lug 2 führt das Split-Paar (weiß/rot bei Roswell), Lug 1 bleibt unbeschaltet. Der Poti wirkt als variabler Shunt-Widerstand zur Masse – je näher Position 0, desto stärker wird die zweite Spule kurzgeschlossen.
Eine wichtige Optimierung: Der Master-Tone
Ursprünglich hatte ich ein B465k-Poti mit 22nF CBB 630V verbaut. Die resultierende Last von ~249kΩ ließ besonders den Bridge-Pickup gedämpft klingen. Der Wechsel auf B529k + 47nF CBB 2000V (~283kΩ Last) hat dem Bridge erst die nötige "Luft" verschafft – er klingt jetzt deutlich lebendiger und offener, während der Neck weiterhin warm bleibt, ohne dumpf zu werden.
Klangliche Ergebnisse
Das System zeigt seine Stärken vor allem in der
Flexibilität:
50s-Wiring-Modus:- Bridge Split ~6-8 + Volume ~7-8 = Vintage Strat-Charakter (warm, leicht gedämpfte Höhen)
- Neck im P90-Bereich (~5 am Split-Poti) = fetter, direkter Ton ohne Humbucker-Wumms
- Coil-Split bei gedämpften Saiten = Luther Perkins Telecaster-Bridge-Percussion (Folsom Prison Blues)
Modern-Wiring + Treble-Bleed:- Amp laut im Low-Gain-Bereich, Volume-Poti auf ~3-5 = fast cleaner Sound mit leichtem Gain, der förmlich "herausrotzt"
- Volume-Steuerung funktioniert als dynamische Gain-Kontrolle ohne Höhenverlust
Spin-a-Split in der Praxis: Die graduelle Steuerung zwischen Single-Coil (0) und vollem Humbucker (10) eröffnet unzählige Zwischentöne:
- Position 0-3: Echter Single-Coil bis "enhanced Single-Coil"
- Position 4-6: P90-Territorium (schön fett, aber noch definiert)
- Position 7-9: Humbucker-Light mit zunehmender Fülle
- Position 10: Voller PAF-Sound
Zu den Roswell LAF Pickups:
Laut Hersteller fangen die LAF-Pickups die luftigen Höhen, straffen Bässe und ausgewogenen Mitten klassischer PAF-Pickups ein. Die asymmetrischen Spulenwicklungen sorgen für ein straffes Fundament, während die Obertöne erst nach dem Anschlag "atmen". Die entmagnetisierten Alnico-5-Magnete tragen zum vintage-orientierten Charakter bei.
In der Praxis bestätigt sich:
Die Infrastruktur macht den Unterschied. Die Roswell LAFs klingen in dieser Umgebung überraschend hochwertig. Der Bridge reagiert brillant, singt schön mit etwas Gain und hat selbst im Full-Split noch einen vollen, nutzbaren Ton. Der Neck überzeugt mit Wärme und Fülle, ohne matschig zu werden.
Das Shielding: Der stille Held
Selbst im Full-Split – wo eine Gitarre normalerweise am anfälligsten für Störgeräusche ist – bleibt das System erfreulich leise. Das durchgängige Kupfer-Shielding in Verbindung mit der Sternerdung eliminiert Brummschleifen und EMI-Einstreuungen nahezu vollständig. Das ist der eigentliche Beweis, dass die elektrische Grundlage stimmt.
Fazit
Dieses Projekt zeigt eindrucksvoll, dass Budget-Pickups (~35 €) in einer optimierten elektrischen Umgebung Leistungen bringen können, die viele teurere Pickups in schlechter Verkabelung nicht erreichen. Die Kombination aus sauberem Shielding, Sternerdung, durchdachter Poti-Wahl und flexiblem Wiring-System hat aus einer 130-€-Gitarre ein vielseitiges, professionell klingendes Instrument gemacht.
Die zentrale Erkenntnis: Es gibt keine "Lieblingsstellung" an den Potis. Stattdessen bietet das System die Möglichkeit, sich an unterschiedliche klangliche Herausforderungen anzupassen. Welcher Sound wird gebraucht? Mit diesem Setup lässt er sich finden – wenn nicht 100%ig perfekt, dann zumindest sehr nahe dran.
Da ich selbst kein besonders begabter Gitarrist bin und auch nur über bescheidenes Equipment verfüge, würde ich mich freuen, wenn jemand aus Berlin Lust hätte, diese Gitarre ausgiebig zu testen – zumindest elektrisch/klanglich – und ein objektives Fazit abzugeben. Als Verdrahter fehlt mir selbst der nötige Abstand für eine neutrale Bewertung.
Ich freue mich auf eure Rückmeldungen!